Fokus on ESG

Nachhaltigkeitspräferenzen und Klimaziele: ESG-Investments treten in eine neue Phase ein

Anleger nehmen die Finanzierung des Umbaus der Wirtschaft zu einem nachhaltigen und damit langfristig stabilen System sehr ernst: Per Ende März 2022 verwalteten Publikumsfonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen 563 Milliarden Euro für deutsche Anleger. Das entspricht 40 Prozent aller in Publikumsfonds investierten Gelder. Binnen Jahresfrist ist das verwaltete Vermögen in nachhaltigen Produkten um 80 Prozent gestiegen, hat der deutsche Fondsverband BVI gemeldet. Mit dem Inkrafttreten der MiFID-Novelle am 2. August wird ein weiterer Schub erwartet, wenn Finanzberater Nachhaltigkeits-Präferenzen abfragen müssen.

Auch institutionelle Investoren nehmen Nachhaltigkeits-Kriterien sehr ernst, das hat eine von der Fondsgesellschaft DWS gesponserte weltweite Umfrage von CREATE-Research unter Pensionsfonds gezeigt. Über 50 Prozent der Pensionsfonds haben angegeben, Net-Zero-Strategien in ihren Portfolios bereits implementiert zu haben oder planen, dies zu tun. Ihre Investmententscheidungen sollen also dazu beitragen, den CO2-Ausstoß ganz konkret zu verringern, im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens. Hier spielt der EU-Referenzwert Paris Aligned Benchmark (PAB) eine immer größere Rolle. Fonds und ETFs, die diese Indizes abbilden, erfüllen damit Umweltziele im Sinne der EU-Taxonomie, den Klimawandel zu begrenzen und die Anpassung an die Folgen.

Auf jeden Fall zeichnet sich ab, dass in Zukunft viel davon abhängt, Zugang zu den richtigen ESG-Daten zu haben, um die unterschiedlichen Regelwerke im Beratungsprozess erfüllen zu können.

Infront hat mit der bereits jetzt umfassenden Integration von ESG-Daten die Basis gelegt. ESG-Scores von Clarity AI, einer der weltweit führenden Anbieter von Nachhaltigkeits- und Impact-Reportings, decken 30.000 Unternehmen und 20.000 Fonds ab. Infront unterstützt die Kunden bei der Anpassung an die ESG-Nachfrage, die sich verändernde Investmentlandschaft sowie bei der Erfüllung der regulatorischen Anforderungen.

Diese beiden aktuellen Meldungen werfen ein Schlaglicht darauf, dass Investments in Aktien und Fonds nach Umwelt und Sozialkriterien sowie guter Unternehmensführung (Environment, Social, Governance, ESG) mittlerweile als Standard gelten können. Es geht nicht mehr um die Frage, ESG oder nicht, sondern um den Zugang zu den aktuellen, relevanten ESG-Daten und regulatorischen Einstufungen. Welche Produkte erfüllen welche Nachhaltigkeitskriterien? Werden Ziele der EU-Taxonomie mit dem Produkt umgesetzt? Wie ist der aktuelle Status nach der Offenlegungsverordnung?

1. EU Sustainable Financial Disclosure Regulation (SFDR)/Offenlegungsverordnung

Seit März 2021 in Kraft. Nur Fonds, die nach der EU-Offenlegungsverordnung unter Artikel 8 oder Artikel 9 eingruppiert sind, dürfen als „nachhaltig“ bezeichnet werden beziehungsweise haben eine direkte angestrebte Nachhaltigkeitswirkung. Nicht zu vergessen ist Artikel 7 der SFDR, da ab spätestens 30. Dezember 2022 die nachteilige Auswirkung auf Nachhaltigkeit für alle Produkte offenzulegen ist. Aktuell laufen die Planungen für den Level II, dessen Einführung kürzlich von Juli 2022 auf Januar 23 verschoben wurde Darin wird festgelegt, dass die Fondsanbieter zusätzlich noch über die Auswirkung ihrer Anlagestrategie in Bezug auf ESG-Kriterien in einem Reporting Auskunft geben müssen. Das bedeutet, Vermögensverwalter müssen sogenannte qualitative Berichte zu ihren einzelnen Produkten vorhalten. In der letzten Stufe, die eigentlich ab März 2023 greifen soll, müssen regelmäßige Berichte im Hinblick auf ESG zu den Vermögensverwaltern und einzelnen Produkten mit quantitativen Angaben zur Verfügung gestellt werden.

Damit soll auch die tatsächliche Nachhaltigkeitswirkung einer Fondsanlage transparent nachvollziehbar werden. An den Vorgaben zu den veröffentlichten Details und Reporting-Größen wird derzeit allerdings noch gearbeitet. Ab Mitte 2022 soll aber die SFDR-Klassifizierung die Einordnung von Investmentprozessen dann mit der Dokumentation ihrer Wirkung auf das Portfolio verbinden. In der Vergangenheit war dies einerseits durch ESG-Siegel und andererseits durch ESG-Fondsratings nur einzeln möglich.

Zugleich konkretisieren sich die weiteren EU-Standards. Aktuell befindet man sich in den finalen Verhandlungen der CSDR (Triolog), deren Verabschiedung wird für Mitte des Jahres 2022 erwartet, was bedeutet, dass sich eine erste Anwendung auf das Berichtsjahr 2024 verschieben wird, anstelle des vorgeschlagenen 2023.

2. EU-Taxonomie

Die EU-Taxonomie hängt ihren eigenen Ansprüchen immer noch weit hinterher. Bisher sind erst für zwei der insgesamt sechs Umweltziele der Taxonomie entsprechende nachhaltige Aktivitäten und technische Kriterien definiert. Bei vollständiger Veröffentlichung der Taxonomie müssen Asset Manager belegen, ob ihre Anlagen nachhaltig im Sinne der EU-Taxonomie sind. Der bisherige Fahrplan für die Anwendung der Taxonomie sieht wie folgt aus:

  • für Klimaziele (Begrenzung des Klimawandels und Anpassung an die Folgen): seit 1.1.2022
  • für andere Umweltziele: (3) Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, (4) Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling, (5) Vermeidung und Verminderung von Umweltverschmutzung, (6) Schutz gesunder Ökosysteme und Biodiversität: ab 1.1.2023 (unwahrscheinlich)
  • für andere ESG-Ziele für Soziale und Governance-Kriterien: offen

3. MiFID-II-Novelle mit Definition Nachhaltigkeitspräferenzen ab 2. August 2022

Die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen von Anlegern wurde verbindlich neu geregelt und tritt am 2. August 2022 in Kraft:

  1. Berücksichtigung nachteiliger Auswirkungen (PAI)
    Anleger können und sollen definieren, inwieweit Unternehmen bei der nachhaltigen Anlage berücksichtigt werden sollen, die nachteilige Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit (Principle Adverse Impacts) auf Nachhaltigkeitsziele berücksichtigen.
  2. Positiver Beitrag zu ökologischen oder sozialen Zielen
    Es sollen vor allem Investitionen als nachhaltig gelten, die dazu beitragen, Umwelt- oder soziale Ziele zu erreichen und dabei Governance-Verstöße vermeiden. Wichtig: Anleger sollen von einem nachhaltigen Anlageprodukt auch erwarten können, dass ein bestimmter Portfolioanteil die angestrebten Wirkungen erzielen soll.
  3. Positiver Beitrag zur Taxonomie
    Hier soll der Kunde einen Mindestanteil an wirtschaftlichen Aktivitäten auf Fonds- bzw. Portfolioebene festlegen, der Taxonomie-konform ist. Allerdings sind erst für zwei der sechs Umweltziele der Taxonomie die Details definiert, also Begrenzung des Klimawandels und Anpassung an die Folgen. Die vier weiteren Themenfelder sind von der Taxonomie noch nicht abschließend behandelt. Zudem sind Unternehmen erst ab 2022 verpflichtet darüber zu berichten. Das beutet im Umkehrschluss für die Beratung: erst ab 2023 sind umfassende Daten für EU-Unternehmen verfügbar. Somit lässt sich die Taxonomie-Konformität bis zu diesem Zeitpunkt nur schwierig messen.

Die große Herausforderung für die Beratung ist dabei, die Erwartungen der Kunden zu moderieren. Durch die vielfältigen Aspekte, die ein Berater abfragen und entsprechend dokumentieren muss, werden die Nachhaltigkeitspräferenzen der Anleger sehr eng eingegrenzt. Allerdings lassen sich mit der vorliegenden Produktklassifikation nach der Offenlegungsverordnung – also vor allem Artikel 8 und 9 SFDR – kaum nachweisen, ob eine Anlagelösung für die erhobenen Präferenzen nach MiFID geeignet ist.

Für alle Beratungsleistungen, bedeutet die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsfaktoren in der der MiFID II zugehörigen delegierten Rechtsakte einen erheblichen Umsetzungsaufwand. Dazu zählen Erweiterungen von Investmentberatungs- und Portfoliomanagement­systemen, umfassende Schulungen für die Mitarbeitenden oder auch Überarbeitungen von Vertriebsstrategien: Um sich angemessen auf die Anforderungen vorzubereiten, ist es unerlässlich, dass betroffene Akteure frühzeitig aktiv werden.

Wichtig ist, dass eventuelle Verzögerungen bei der Anwendung von Regulierungsstandards keinerlei Auswirkungen auf die durch die Taxonomie erweiterten Offenlegungspflichten hat. Das bedeutet, Finanzdienstleister müssen angeben, in welchem Umfang die dem Finanzprodukt zugrundeliegenden Investitionen taxonomie-konform sind.  Sind diese Informationen aus öffentlich-zugänglichen Angaben des Unternehmens nicht verfügbar, darf allerdings nicht auf Schätzungen zurückgegriffen werden. Aber es dürfen gleichwertige Informationen von Unternehmen oder Drittanbietern genutzt werden.

Konkret empfiehlt es sich, nicht nur die bestehenden Bestimmungen zu analysieren, um einen möglichen Anpassungsbedarf zu identifizieren, sondern auch mögliche Implikationen auf die nächsten technischen Umsetzungen zu antizipieren.  Denn, sobald die Technischen Regulierungsstandards (RTS) der SFDR Level II in Kraft sind, werden Fondsgesellschaften und andere Produktanbieter nicht nur offenlegen müssen, welche der wichtigsten negativen Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit (PAI) ihrer Anlagen sie berücksichtigen. Sie müssen auch begründen, wie sie dies tun und wie sie mit negativen Folgen umgehen, wenn sie diese Informationen nicht offenlegen. Überdies werden Asset Manager für alle Fonds mit ökologischen und sozialen Merkmalen (Artikel-8-Fonds) sowie für Fonds mit nachhaltigen Anlagezielen (Artikel-9-Fonds) umfassende Offenlegungs-Templates respektive Berichte ausfüllen müssen, quantitativ und qualitativ.

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Handlungsempfehlungen:

Für alle Beratungsleistungen, bedeutet die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsfaktoren in der der MiFID II zugehörigen delegierten Rechtsakte einen erheblichen Umsetzungsaufwand und ein nicht zu verachtendes Risiko. Erweiterungen von Investmentberatungs- und Portfoliomanagement­systemen, umfassende Schulungen für die Mitarbeitenden oder auch Überarbeitungen von Vertriebsstrategien: Um sich angemessen auf die Anforderungen vorzubereiten, ist es unerlässlich, dass betroffene Akteure frühzeitig aktiv werden.

Konkret empfiehlt es sich, nicht nur die bestehenden Bestimmungen bezüglich der Governance und Prozesse zu analysieren, um einen möglichen Anpassungsbedarf zu identifizieren, sondern auch mögliche Implikationen auf die nächsten technischen Umsetzungen zu antizipieren.  Denn, sobald die Technischen Regulierungsstandards (RTS) der SFDR Level II in Kraft sind, werden Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter nicht nur offenlegen müssen, welche der wichtigsten negativen Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit (PAI) ihrer Anlagen sie berücksichtigen, sondern auch, wie sie dies zu tun und mit den negativen Folgen umzugehen gedenken (oder ggf. die Nichtoffenlegung begründen). Überdies werden sie für alle Fonds mit ökologischen und sozialen Merkmalen (Artikel-8-Fonds) sowie für Fonds mit nachhaltigen Anlagezielen (Artikel-9-Fonds) umfassende vorvertragliche und periodische Offenlegungs-Templates respektive Berichte ausfüllen müssen, quantitativ und qualitativ.

„Offenlegungsverordnungsreportings für insbesondere Artikel 8 Produkte haben wir inzwischen vielfach für unsere Kunden umgesetzt und stellen ab Mitte Mai auch ein Standardtemplate als Grundlage zur spezifischen Individualisierung bereit. Aufgrund der fehlenden eindeutigen Möglichkeiten der Zuordnung von insbesondere Artikel 8 Produkten in MIFID Nachhaltigkeitskategorien gehen wir aktuell davon aus, dass wir im ersten Schritt Anpassungen an Profilierung sowie Zielmarkt- und Geeignetheitsprüfung vornehmen und uns dann auf die aufsichtsrechtlichen Kernaspekte unter Verwendung des deutschen Verbändezielmarktkonzepts fokussieren. Natürlich beobachten wir auch die weiteren Auslegungen der Verbänden wie z.B. des VuV und DSGV und lassen diese in unseren geplante Entwicklung einfließen. Weitergehende Anforderungen einzelner Kunden können wir schon heute über den Individualisierungslayer unserer Systeme jederzeit unterstützen.“ sagt Torsten Reischmann, Executive Director Product Management Portfolio & Advisory Solutions.